Experte im Interview

„Alle Unternehmen mit einer Viertagewoche berichten über sinkende Krankmeldungen“

Die Viertagewoche ist ein vielseitiges Arbeitsmodell.

Die Viertagewoche ist ein vielseitiges Arbeitsmodell.

Herr Gaedt, Sie porträtieren in Ihrem Buch „4-Tage-Woche“ 151 Unternehmen, die mit diesem Modell erfolgreich sind. Gibt es etwas, das überall identisch ist?

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Ja, drei Tage Freizeit und gleiches Gehalt wie zuvor. Die Arbeitszeit kann 39, 38, 37, 36, 34, 32 oder 30 Stunden umfassen. Es kann montags, mittwochs, donnerstags oder freitags frei sein. Es muss auch kein Entweder-oder sein, viele Betriebe bieten beides an: wahlweise eine Vier- und eine Fünftagewoche. In einem Betrieb kann man sogar monatlich wechseln. Es gibt fast so viele Modelle wie Betriebe. Und das sind in Deutschland, Österreich und der Schweiz bereits Hunderte. Täglich kommen neue hinzu.

Gibt es eine Branche, bei der Sie überrascht waren, dass die Viertagewoche funktioniert?

Überrascht hat mich die Menge der Praxisbeispiele. Als ich auf Instagram unter dem Hashtag #4tagewoche Hunderte Betriebe mit einer Viertagewoche gefunden habe, war mir klar, dass das Thema in Deutschland, Österreich und der Schweiz viel größer ist, als es öffentlich wahrgenommen wird. Die Viertagewoche läuft im Handwerk, in der Produktion, Hotellerie und ambulanter Pflege sowie im Einzelhandel.

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Martin Gaedt ist Unternehmer, Redner und Autor der Bücher „Mythos Fachkräftemangel“ und „Rock Your Work“. Gerade ist sein neues Buch „4-Tage-Woche“ erschienen. Darin stellt er 151 Praxisbeispiele aus Deutschland, Österreich und der Schweiz vor. Gaedt tritt regelmäßig bei großen Veranstaltungen als Keynote Speaker auf, er gibt Workshops und berät Unternehmen. Er gründete selbst mehrere Unternehmen und begleitete zahlreiche Start-ups beim Start. Sich selbst bezeichnet Gaedt als Provotainer, weil er den Arbeitsmarkt herausfordern will.

Martin Gaedt ist Unternehmer, Redner und Autor der Bücher „Mythos Fachkräftemangel“ und „Rock Your Work“. Gerade ist sein neues Buch „4-Tage-Woche“ erschienen. Darin stellt er 151 Praxisbeispiele aus Deutschland, Österreich und der Schweiz vor. Gaedt tritt regelmäßig bei großen Veranstaltungen als Keynote Speaker auf, er gibt Workshops und berät Unternehmen. Er gründete selbst mehrere Unternehmen und begleitete zahlreiche Start-ups beim Start. Sich selbst bezeichnet Gaedt als Provotainer, weil er den Arbeitsmarkt herausfordern will.

Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit modernen Arbeitsweisen. Was haben Sie bei Ihrer Recherche Neues erfahren?

Neu war für mich, dass immer mehr Friseure nur noch dienstags bis freitags öffnen und profitabel wie vorher sind. Immer mehr Bäcker fokussieren sich auf leckeres Brot, das sie vormittags backen und nachmittags – an vier Tagen – verkaufen. Das ist profitabel, und sie finden viele Bewerber. Positiv überrascht hat mich in allen erfolgreichen Beispielen der Leitgedanke, den Mitarbeitenden etwas Gutes zu tun, sie zu entlasten. Diese Fürsorge steigert die Produktivität.

In allen Firmen gingen die Krankmeldungen zurück

Wie lässt sich das messen?

Das Kieler Institut für Weltwirtschaft hat kürzlich vorgerechnet, dass der Rekordkrankenstand im Jahr 2022 die deutsche Volkswirtschaft bis zu 42 Milliarden Euro gekostet hat. Alle Unternehmen mit einer Viertagewoche berichten über sinkende Krankmeldungen. Daher haben Firmen auch mit reduzierten Arbeitszeiten in einer Viertagewoche faktisch mehr Arbeitskräfte zur Verfügung als Firmen mit 40 oder 42 Wochenstunden, die bis zu 22 Tagen pro Jahr krank sind – je nach Branche.

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In Schichtsystemen besteht aber doch trotzdem die Gefahr, dass die reduzierte Stundenzahl zu einem Personalmangel führt. Bestimmte Zeiten müssen abgedeckt werden, etwa im Einzelhandel oder in der Pflege. Es fehlen ohnehin schon Arbeitskräfte. Verschärft die Viertagewoche das Problem nicht weiter?

Es ist eine organisatorische Veränderung. Die kann auch in der Pflege und in der Hotellerie und allen anderen Branchen gelingen. Die Anthojo-Unternehmensgruppe beispielsweise betreibt 17 Pflege- und Rehaeinrichtungen in Oberbayern und hat rund 500 Beschäftigte. Die Organisation ist herausfordernd, weil die Dienste im Schichtbetrieb mit nur vier Tagen Präsenz schwerer zu besetzen sind. Doch der positive Freizeitwert für die Angestellten ist der Firma den Aufwand wert. Der Betrieb bietet bessere Arbeitsbedingungen, ist attraktiver. Wir haben nicht zu wenig Pflegekräfte. Die Arbeitsbedingungen haben zu viele Pflegekräfte aus ihrem Beruf verjagt.

Sie haben auch Hotels genannt. Wie funktioniert es dort?

Die Hotelkette 25 Hours bietet an allen Standorten die Viertagewoche an. 80 Prozent der Angestellten haben sich dafür entschieden. Sie arbeiten neun Stunden pro Tag. Am freien Tag sparen sich alle zusätzlich zur Arbeitszeit auch die Fahrzeiten zur Arbeit, durchschnittlich 80 Minuten pro Tag. Das sind über fünf Stunden jeden Monat. Die Wirkung: In der Küche ist der Krankenstand stark gesunken und geht gegen null. Im gesamten Hotel sind die Kollegen freundlicher und entspannter bei den Übergaben. Die Bereitschaft, untereinander spontan zu helfen, ist gestiegen.

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Stille Stunden für mehr Fokus

Was ist die wichtigste Voraussetzung dafür, dass eine Firma mit dem Modell erfolgreich ist?

Eine wichtige Voraussetzung: Frühzeitig die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einbeziehen. Das ist ein Kernfaktor in den Unternehmen, in denen die neuen Arbeitszeiten erfolgreich laufen. Viele Betriebe vereinbaren eine Probezeit von vier Wochen oder mehreren Monaten. Häufig wird auch nach der Probezeit regelmäßig weiter am Modell gearbeitet.

Woran muss gearbeitet werden?

Wichtig ist die Bereitschaft, Prozesse, Tools und Abläufe auszumisten. Eine Viertagewoche wird erfolgreich, wenn das Unternehmen sie zum Anlass nimmt, das Geschäftsmodell zu aktualisieren. Um Fokus zu ermöglichen, hat eine Steuerberatung zum Beispiel „stille Stunden“ eingeführt. Das sind zwei Zeitblöcke, in denen keiner im Team telefonisch erreichbar ist, 10 bis 12 Uhr und 14 bis 15 Uhr. Alle vier Arbeitstage. Und es gibt E-Mail-freie Zeiten. Die Server sind so eingestellt, dass E-Mails nur zweimal pro Tag zugestellt werden. Ergebnis: In 34 Stunden wird stressfreier gearbeitet als zuvor in 40 Stunden, und der Umsatz ist um 20 Prozent gestiegen.

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Viertagewoche schont das Klima

Arbeitszeitverkürzung wird häufig auch mit einem besseren Klimaschutz in Verbindung gebracht. Können Firmen mit der Viertagewoche dazu beitragen?

Ja. Die Firma Leithäusl in Wien mit 450 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Straßenbau hat 2022 in den zehn Monaten nach der Einführung der Viertagewoche 72 Tonnen CO₂ und 160.000 Euro Sprit- und Wartungskosten eingespart.

Teilzeit klingt weder wertschätzend noch ist sie volkswirtschaftlich sinnvoll.

Wie hat die Firma das geschafft?

Die Fahrzeuge fahren Baustellen nur noch an vier Tagen an und bleiben freitags auf den Parkplätzen. Dadurch konnte eine Strecke von mehr als 200.000 Kilometern vermieden werden. Die Firma leistete trotzdem den gleichen Arbeitsumfang und erzielte den gleichen Umsatz wie im Vorjahr. Würden alle Firmen 20 Prozent ihrer Energiekosten sparen und würden Menschen 20 Prozent weniger zum Arbeitsplatz pendeln, wäre Arbeitszeit ein riesiger Hebel für Klimaschutz.

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Beautiful young woman sitting on terrace, using laptop and drinking coffee at morning. Steam rising from coffee cup on the table. Cold morning, she is covering herself with warm blanket

Montagsblues überwinden? Wie Sie am besten in die neue Arbeitswoche starten

Der Montag ist für viele der schlimmste Tag der Woche. Auf Tiktok trendet nun der „Bare Minimum Monday“. Die Idee dahinter: Nur das Nötigste am Wochenanfang tun. Doch ist dieses Konzept wirklich umsetzbar? Ein Arbeitspsychologe erklärt, wie der Wochenstart am besten gelingt.

Sehen Sie die Viertagewoche als ein neues Leitbild?

Ich denke, die Viertagewoche wird sich sehr schnell verbreiten, weil sie den Firmen und den Beschäftigten viele messbare Vorteile bringt. Ob wir sie als neues Normal erleben, weiß ich nicht. Ich sehe eher eine Vielfalt der Modelle als neues Normal. Ich hoffe, dass 34-/32-/30-Stundenwochen zur neuen Vollzeit werden. Teilzeit klingt weder wertschätzend noch ist sie volkswirtschaftlich sinnvoll. In einer Viertagewoche mit reduzierten Arbeitszeiten könnten Millionen Menschen in der neuen Vollzeit arbeiten.

Es gibt auch Menschen in Teilzeit, die mehr arbeiten wollen.

Ja, aber keine 40 Wochenstunden. Eine 30- oder 32-Stunden-Woche in Vollzeit würde vielen Menschen, die aktuell in einer Teilzeitstelle arbeiten, ermöglichen mehr zu arbeiten, ohne sich zu überlasten. Teilzeitlohn und Teilzeitrenten mit der sogenannten Teilzeitfalle könnten gestrichen werden. Und wer mehr arbeiten will, arbeitet „Vollzeit-Plus“.


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